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Burg Liebenzell, Samstag, 22.01.2000
Pünktlich um 7.30 Uhr läutete die Glocke zum Aufstehen. Gegen 8.15 Uhr kamen die Ersten verschlafen zum Frühstück. Dort wurden die Erlebnisse vom vorherigen
Abend ausgetauscht, bis es dann um 9.00 Uhr zum ersten offiziellen Treffen an diesem Tag im Seminarraum kam. Damit auch alle wach wurden, hatte Gertrud Gandenberger, die Dame, welche die Betreuung auf der Burg übernahm, einen Reaktionstest vorbereitet. Wir wurden in zwei Gruppen geteilt und sollten einen Stift schneller als die andere Gruppe hinter unseren Rücken weitergeben.
Dann ging die richtige Arbeit los: es war eine Gruppenarbeit zum Thema "Entschädigung der Zwangsarbeiter". Es wurden Texte verteilt, die in Ausschnitten in den Gruppen zu lesen waren und die man sich danach gegenseitig vorstellen sollte. Witold stellte die Ergebnisse der polnischen Gruppe vor. Das größte Problem sahen diese darin, dass der Verbleib des Geldes äußerst ungewiss wäre; sie vertrauen weder der polnischen Regierung noch der deutschen Bundesregierung.
Es folgte ein Gespräch mit Herrn Stanislaw Gladyszek, einem der Zeitzeugen, die schon in Auschwitz zugegen waren, über seine Erfahrungen und Gefühle in Dautmergen. Wie schon beim Treffen in Auschwitz, erzählte Herr Gladyszek über die Zeit, die er in Birkenau (Auschwitz II) und später in Dautmergen verbracht hatte. Besonders gut erinnerte er sich an den KZ-Kommandanten Erwin Dold, der wegen seines großen Engagements den Häftlingen gegenüber auch der "Engel von Dautmergen" genannt wurde. Als Dold kam, war Herr Gladyszek, damals 22 Jahre jung, schon fast am Sterben. Er hatte Typhus und war vollkommen verlaust. Dold machte Stanislaw Gladyszek zu seinem "Kalfaktor", weil er gut Deutsch sprach. Er durfte duschen, bekam neue Kleidung und durfte bei den Kapos wohnen. Dadurch hat Dold ihm das Leben gerettet. Dold weigerte sich einen SS-Anzug zu tragen, wurde aber später dazu gezwungen. Erwin Dold rettete vielen Häftlingen das Leben. Er beschaffte ihnen Nahrungsmittel, Kleider und Schuhe. Weiterhin gab er einem
Flüchtling Brot und Suppe, statt der erwarteten Prügelstrafe. Erwin Dold wollte den Häftlingen das Leben in den Arbeits- und Konzentrationslagern erleichtern.
Zum Beispiel hat er einmal Fliegeralarm verursacht und den darauffolgenden Stromausfall genutzt, um Vieh in das Arbeitslager zu treiben, damit die Häftlinge etwas zu essen haben. Er muß ein wahrer Engel gewesen sein.
Nach dem Bericht von Herrn Gladyszek, um ca.10.30 Uhr brachen wir auf, um die Passanten der Stadt Bad Liebenzell zum Thema der "Zwangsarbeiter-Problematik" zu befragen. Wir teilten uns in Gruppen. Eine hatte Mikro und Aufnahmegerät, eine andere eine Videokamera zur Verfügung. Der Rest bewaffnete sich mit Fragebögen. Alle kamen gegen 12.30 Uhr, naß vom Schneeregen und sehr geschafft vom Aufstieg zur Burg, mit mehr oder minder reichhaltigen Ergebnisse zurück. Dann gab es Mittagessen.
Nach einer kleinen Mittagspause, trafen wir uns um 14.00 Uhr zur Auswertung der Ergebnisse der Passantenbefragung. Die Aufgabe war, ein Plakat zu erstellen, auf welchem die Ergebnisse der Umfrage dargestellt waren. Die künstlerische Freiheit blieb natürlich jedem offen!!! Bei der Vorstellung und Erklärung der einzelnen Plakate zeigte sich schnell, dass viele Passanten, als sie das Thema hörten, nicht mehr antworten wollten. Andere allerdings reagierten auf unsere Fragen ausführlich und/oder aufbrausend. Die Schätzungen der Zahl der ZwangsarbeiterInnen war sehr ungenau. Sie variierten von 100.000 Menschen bis zu 12 Mio., was der genauen Anzahl entsprach. Das geringe Wissen zeugte von mangelndem politischen Interesse. Auch Fragen, die auf die Bereiche, in denen Zwangsarbeiter/Innen eingesetzt wurden, zielten, konnten nur teilweise zufriedenstellend beantwortet werden. Auf die Frage, ob man mit der vereinbarten Regelung hinsichtlich einer Entschädigung einverstanden sei, bekamen wir die (wohlgemerkt!)
ernstgemeinte Antwort: "Dann müßten die Amis ihr ganzes Leben lang den Negern Entschädigung zahlen."
Eine weitere Aussage: "Denen (den Häftlingen, Anm.d.R.) ging es hier besser als im eigenen Land!"
Wieder ein Zeichen mangelnder Information und dem fehlenden Interesse, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Des Weiteren antworteten Leute mit "Ich kaufe nichts!" oder "Ich spende nichts!".
Herr Gladyszek, der sich alles anhörte, war danach für Fragen, die uns schon auf der Zunge lagen, offen. Die erste Frage bezog sich auf seine Gefühle beim Besuch des ehemaligen Lagers Dautmergen am Vortag. Er wollte den Platz sehen, an dem so viel Unheil geschah. Er hat nichts Böses gefühlt, doch die Erinnerungen waren schrecklich. Stanislaw sagte, er sei froh, noch zu leben. "Das hebt mich hoch!", sagte er überzeugt. Außerdem erwähnte er, dass es durchaus Kameraden gäbe, die dies anders sähen und auch anders fühlen würden.
Auf die Frage, wo es leichter gewesen wäre (Auschwitz oder Dautmergen), antwortete er, dass es in Dautmergen kein Krematorium gab und daher die Hoffnung bestand, dort lebend heraus zu kommen. Weiterhin meinte er, man hätte gemerkt, dass der Krieg zu Ende ginge.
Die Gefühle am Tag seiner Befreiung beschrieb Stanislaw Gladyszek als keinen euphorischen Moment. Alle liefen durcheinander und doch
wußte keiner, was passieren werde. Sie versteckten sich im Wald und trafen SS-Männer, die auf sie schossen.
Herr Gladyszek war drei Jahre in den Konzentrationslagern gefangen. Er wurde gefragt, warum er nach dieser Erfahrung in die französische Armee eintrat. Er erwähnte zunächst, dass er zum Schluß ein besseres Leben gehabt hätte, weil er bei Dold angestellt war. Außerdem antwortete er, dass er eine übergeordnete Stellung den Deutschen gegenüber einnehmen und zum Sieg der Alliierten beitragen wollte.
Stanislaw Gladyszek hatte nach dem Krieg zu seiner Familie keinerlei Kontakt. Er wollte nach Amerika oder Australien auswandern. Dann aber traf er seine zukünftige Frau, die ihn davon überzeugte, nach Polen zurückzukehren. Sie waren fünf Jahre verheiratet und bekamen einen (aus Stanislaws Sicht) lang ersehnten Sohn, dann trennten sie sich. Stanislaw war später noch einmal verheiratet. Leider verstarb seine zweite Frau sehr früh. Weiterhin äußerte Stanislaw etwas sehr wichtiges: "Ich will solange leben, bis ich entschädigt worden bin!!!"
Gegen 18.30 Uhr gingen wir dann zum Abendessen. Danach ging es unverzüglich weiter mit dem Film "Der KZ-Kommandant" über Erwin Dold, der als einziger von 50 Kriegsverbrechern freigesprochen wurde. Seine Milde und der Einsatz seines Lebens bei jeder Aktion, die den Häftlingen zu Gute kam, bahnte ihm letztendlich den Weg ins Freie, obwohl Dold vor der Befreiung der Häftlinge zu Herrn Gladyszek sagte: "Du gehst ins Freie und ich geh´ in das Lager". Im Anschluss bestand die Möglichkeit ein Radiointerview mit Herrn Dold zu hören.
Der Tag war vorbei, man hatte jede Menge Schreckliches gehört und konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, diesen Tag Revue passieren lassen zu müssen.
Doch als die Sonne unterging, die Nacht hereinbrach, begann die Party! Jonas wurde um Punkt Mitternacht 18! Und die Welt tanzte...... .
Laura Quensell
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