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Yonathan Ben Artzi - 196 Tage in Militärhaft (17.01.2003)
So lange wie Jonathan Ben-Artzi war noch kein israelischer Verweigerer inhaftiert. Inzwischen das siebte Mal im Militärgefängnis, wird er bei der nächsten Freilassung Ende Februar 196 Tage hinter Gittern verbracht haben.
Im August des letzten Jahres flog ich nach einem 18monatigen "Anderen
Dienst im Ausland" zurück nach Deutschland. Eine Woche vor meinem
Rückflug verabschiedete ich mich von einem guten Freund, der zur Armee
eingezogen wurde, doch schon seit langem seine Verweigerung aufgrund
pazifistischer Überzeugung erklärt hatte. Inzwischen bin ich etwa ein
halbes Jahr wieder in Deutschland. Mein Freund Jonathan hat in dieser
Zeit nur sechs Wochenenden zu Hause verbracht.
Nach sechs 14- bis 35-tägigen Haftstrafen bestand Mitte Januar erneut
die Hoffnung, dass die Armee von ihm ablassen und ihn für unbrauchbar
erklären würde, wie sie es bei Verweigerern in den letzten Jahren meist
nach drei bis vier Haftstrafen tat. Doch nach einigem Zögern entschied
man sich für eine erneute Einberufung. Nachdem bisher Offiziere der
Einberufungsbasis Jonathan verurteilt hatten, stand er am 16. Januar dem
zweithöchsten israelischen General gegenüber. Diesem erklärte er "Wenn
Sie keinen Weg durch Ihre eigenen bürokratischen Prozeduren finden und
mich aus der Armee entlassen, müssen Sie mich hier wieder und wieder
sehen, da ich mich in keinem Fall werde einziehen lassen." Außerdem wies
er darauf hin, dass er von Amnesty International als Gefangener aus
Gewissensgründen anerkannt worden sei und dass ultraorthodoxe Juden, die
nicht einmal prinzipiell Gewalt ablehnen, nicht zum Militär müssen, was
dem Gleichheitsprinzip in einer Demokratie entgegenstehe.
Neben Jonathan sind Uri Ya'akobi, Dror Beumel, Noam Bahat, Hillel Goral
und mehrere andere Jugendliche zum wiederholten Mal in Haft und bekommen die verhärtete Strategie
gegenüber Verweigerern zu spüren. Die meisten von ihnen gehören einer Gruppe von
Oberstufenschülern an, die vor eineinhalb Jahren gegründet wurde. Sie
erklärten, aus politischen Gründen nicht zur Armee zu gehen. Dieser
Gruppe gehören inzwischen fast 300 Jugendliche an, während in den
Vorjahren nur einzelne Wehrpflichtige den Armeedienst offen
verweigerten. Die ersten von ihnen machten letztes Jahr ihren
Schulabschluß und wurden eingezogen. Alle entschieden sich, bewusst
gegen den weitaus einfacheren Weg, durch psychiatrische Gutachten
ausgemustert zu werden. Damit ist Verweigerung der Wehrpflichtigen,
neben der von Reservisten, wieder zu einem Politikum in Israel
geworden. Die derzeit Inhaftierten werden nun offensichtlich als
Abschreckung für die Zukunft härter bestraft.
Um gegen ihre Inhaftierung zu protestieren und ihre politische Ablehnung der Besatzung auszudrücken sind Noam Bahat und Hillel Goral am 16. Januar in Hungerstreik getreten. Beide sind derzeit zum zweiten Mal inhaftiert und sitzen im Isolationstrakt des Militaergefägnisses Nr. 4 bei Tel Aviv.
Während meines Aufenthalts in Israel habe ich Jonathan immer wieder
über seine Verweigerung gesprochen unterhalten, was dazu führte, mich
weit intensiver mit meinem eigenen Pazifismus auseinanderzusetzen als
zur Zeit meiner eigenen Verweigerung.
Für Jonathan, dessen Tante mit dem israelischen Aussenminister Netanyahu
verheiratet ist, war schon seit einigen Jahren klar: er würde die Rolle
des Kriegers, auf die ihn die Gesellschaft seit langem vorbereitete
nicht einnehmen. Er weigerte sich, in der Schule an Veranstaltungen mit
der Armee teilzunehmen und stellte kritische Fragen. Nach seinem
Schulabschluss im Sommer 2000 nahm er das Studium der Mathematik und
Physik auf. Die Armee hatte ihn in der Hoffnung, er würde seine
Ablehnung der Armee aufgeben, für ein Jahr zurückgestellt. Als ihn dann
eine Pseudo-"Gewissens-Komission" von Generälen und Offizieren ablehnte
(wie bei fast allen männlichen Antragstellern vor ihm) ging er zweimal
vor das Oberste Gericht. Dieses entschied jedoch, sich nicht
einzumischen. Gleichzeitig trug Jonathan sein Anliegen über die Presse
an die Öffentlichkeit. Für seine Hartnäckigkeit bestraft ihn die Armee
jetzt mit der besonders langen Haft.
Im Gegensatz zu den jungen Männern haben israelische Frauen die
Möglichkeit, den Armeedienst zu verweigern und einen freiwilligen
Ersatzdienst zu leisten. Sie sind der Armee nicht so wichtig,
unterliegen nur einer zweijährigen Wehrpflicht und werden vor allem in
der Verwaltung eingesetzt. Leider stehen sie dadurch auch beim Thema
Kriegsdienstverweigerung nur im Hintergrund, obwohl sie einen
entscheidenden Teil der Solidaritätsbewegung bilden, welche z.B.
Kundgebungen an den Gefängnissen organisiert. Eine israelische
Verweigererin bemängelte vor kurzem, dass dies den Frauen, die auf den
heimkehrenden Krieger warten, gleichkomme und die eigene Überzeugung
nicht stark genug dargestellt würde. Die Weiterverbreitung des
KDV-Gedankens unter Frauen habe durch den Fokus auf die Männer an
Aufmerksamkeit verloren.
Jonas Lähnemann
erschienen in der Graswurzelrevolution Nr. 276 (Februar 2003),
sowie gekürzt in Neues Deutschland, 24.1.2003
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